Grau war es an diesem Morgen. Graue Häuser, grauer Himmel und ich wählte dazu passende graue Socken. Die am Vortag gemachte Weihnachtsgeschenkebestandaufnahme hatte ergeben, dass ich entweder ein neues Badezimmer brauchte, um all die erhaltenen Körperhygieneartikel unterzubringen oder mich extra schmutzig machen musste, um besonders viel Duschbad zu verbrauchen. Ich entschied mich für Letzteres und wälzte mich in sämtlichen Lurch-Ecken meiner Wohnung. Um ca 11.45 Uhr hatte ich 4 Duschbäder verbraucht und eine saubere Wohnung.
Der ideale Zeitpunkt das Haus zu verlassen, war 12.30 Uhr. An Feiertagen wurde zu Mittag mittaggegessen. Da fährt die Eisenbahn drüber oder die Oma. Es war die sicherste Zeit unbeschadet durch die Stadt zu gehen. In schwarzer Tarnkleidung schlüpfte ich unbemerkt aus dem Haus und machte mich auf gen Westen. Ein paar Zivilisten streiften schwerfällig umher. Der Festtagsschmaus hing ihnen übern Hosenbund. Kinder trotteten erschöpft dahin. Die wochenlange Vorfreude hatte sie ausbrennen lassen. Die postweihnachtliche Depression zog ihre kleinen Mundwinkel nach unten. Sie wussten, dass ihre neuen XY-Spielkonsolen nach den Weihnachtsferien die Technik von vorgestern sein würden und ihnen die neuen teuren Winterjacken von den Mitschülern gestohlen werden. Mir doch egal, dachte ich im Stillen, während ich an der barfüßigen Bettlermafia Richtung Westbahnhof weitermarschierte.
Dort angekommen, musste ich mich vor Trolleyschlepperbanden und Rucksackterroristen in Acht nehmen, die völlig planlos zielsicher auf die Fressstände zusteuerten. Es gab was es nicht gab. Außer was Gscheits. Deshalb entschied ich mich vorerst fürs Zeitschriftenmekka und eignete mir um wenige Euro nutzloses Wissen an. Ein Abstecher ins Cafe Westend bescherte mir eine Kalbsleber von der Kaumuskel beanspruchenden Sorte. Jedoch hatte ich keine andere Wahl, was sein musste, musste sein. Der Gewaltmarsch stand mir erst bevor.
Bei Anbruch der Dunkelheit verließ ich den wohligen Gestank des Raucherkämmerchens. Die Welt hatte sich verändert. Glitzer, Funkel, Stromverschwendung zierten die Mariahilfer Straße während die abermals Sattgefressenen sie verschandelten. Dicke Schenkel, aus Hot-Pants ragend, ignorierten den Winter. Große Köpfe mit zu kleinen Hauben ignorierten jegliche Ästhetik. Es war ein Augengrauenschmaus. Endlich beim Museumsquartier angekommen, empfing mich dort eine andere Welt in Form der Bildungselitefamilie: Bebrillte Väter mit Stirnbändern, gepflegte Mütter in Anstandsabsatzstiefeln und das obligatorische schlacksige Kind – entweder in der Ausführung „pickliger Junge mit undefinierbarer Frisur“ oder „Mädchen mit Pferdeschwanz“. Kulturtrunken schwebten sie die Stiegen vom Leopoldmuseum runter. Teuer bemäntelt in den Farben schwarz, blau oder braun oder vielleicht war es auch dunkel. Wer wusste das schon?
Ich gönnte meinen Augen eine Pause und heftete sie auf den Beton unter meinen Füssen. Hätten sie gewusst, was sie noch erwartet, sie hätten niemals wieder aufgeblickt…
(…Fortsetzung folgt)

