Mušmule (Muschmulle)


Also zurück zum Essen. Wenn man als Jugokind die ungefähr 200 mal am Tag angebotene Nahrungsaufnahme 100 mal ablehnt, dann isst man „nichts“. Und tritt somit all die Opfer, die die Eltern erbringen mussten, damit immer genug auf Tisch kommt, mit Füßen. Wobei „genug“ bei einer vierköpfigen Familie bedeutet, dass noch 10 Leute mitessen könnten. Man weiß ja nicht, wer noch auftauchen könnte.
Tatsächlich war es in meiner Kindheit so, dass ständig wer vorbeikam. Wir Gastarbeiter waren ja so primitiv und rückständig, dass wir lange Zeit weder die technische Errungenschaften des Telefons noch die mechanischen eines Schlüssels nutzten und so war unsere Einzimmerwohnung immer gut gefüllt mit Besuchern.

Da saßen wir dann übereinander geschlichtet auf hässlichen Möbeln, die zu den Opfern gehörten, die die Eltern erbrachten. Es war nämlich nicht so, dass Jugos keinen Geschmack hatten sondern vielmehr, den Geschmack fürs ständige Essen verbrauchten. Wir lebten damals schon und wohnten nicht bloß. Ja, das haben wir erfunden und dann hat sich den Slogan ein schwedisches Möbelhaus umgehängt.

Und wenn mein Kindermagen unerwarteter weise nicht die gleichen Mengen, wie ein ausgewachsener Mann aufnehmen konnte, raufte sich Mutter die Haare und rief aus „a šta hoćeš?! Hoćeš mušmule?!“ (was willst du dann?! Willst du Mispeln?!)
Bis über mein 30stes Lebensjahr dachte ich, dass das ein erfundenes Wort war. „Muschmulle“! Sagt das ein paar mal hintereinander…so klingt doch nichts, was eine Bedeutung haben könnte.
So lebte ich also vor mich hin, hatte das schon völlig vergessen und als wir eines Tages einen Mispelbaum einsetzten, sah ich nach, wie das auf serbisch heißt. Da dies früher eine sehr seltene Delikatesse war, kam es also zu dem Ausruf bei vermeintlich wählerischen Kindern.
Wie man auf die Idee kommt, dass Kinder gatschige, braune Früchte essen würden, ist mir allerdings nach wie vor ein Rätsel.

 

 

 


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