„Host scho deine Stüfe putzt und owegstöt? Heit kummt da Nikolaus!“, sagte der Sattler-Opa. Übersetzt bedeutete das: „Hast du schon deine Stiefel geputzt und hinunter gestellt? Heute kommt der Nikolaus!“. Die meisten Ausländer sprechen ja so schlecht Deutsch weil sie es von Österreichern gelernt haben.
Als zweisprachig aufwachsendes Kind fand ich viele Worte sehr lustig, wie zum Beispiel „Nikolaus“. Denn „niko“ bedeutet im serbischen „Niemand“. In Kombination mit „Laus“ ergab das für mich das Bild eines Unsichtbaren mit Läusen. Hihihi.
Bei uns Jugos hieß der Nikola und füllte keine Geschenke in Schuhwerk. Überhaupt hielten sich die Heiligen bei uns sehr zurück mit Geschenken. Und hätte es nicht Sattler-Opa und Oma gegeben, wäre ich vermutlich nie in den Genuss dieser unermesslichen Vorfreude in der Adventszeit gekommen.

Die Sattlers waren unsere Vermieter. Nachdem sie anfangs selber noch keine Enkelkinder hatten, nahmen sie sich meiner an und so kam ich unverhofft zu dritten Großeltern. Denen ist zu verdanken, dass ich so überintegriert bin. Vom Opa lernte ich, wie man um die Häuser bzw. Läden in der Nachbarschaft zieht und sich mit schlechten Witzen beliebt macht, von der Oma lernte ich das Grantigsein. Als Erwachsene weiß ich nun, dass Zweites ziemlich sicher vom Ersten her rührte.
Der Sattler-Opa war pensionierter Bäcker und Konditor… Jaaaaa, Ihr vermutet richtig. Die Latte meiner Ansprüche für süßes Gebäck wurde schon sehr früh sehr hoch gelegt. Striezel und Kuchen gab es immer und die Krönung war natürlich die Weihnachtsbäckerei.

So groß die Vorfreude auf den Niemandlaus war, war auch die Angst vorm „Grampuss“. Der kam immer wieder daher weil ich offenbar nicht brav genug war und musste vom Opa mit Lärm und Getöse aus dem Stiegenhaus vertrieben werden. Was war ich erleichtert, dass diese schreckliche Gestalt nicht unverhofft in unserer Einzimmer-Wohnung stand, in der man sich ja nirgends verstecken konnte. Wenn dann die Luft rein war, konnte ich nachschauen gehen, ob meine Stiefel gefüllt waren. Was war die Freude groß und unermesslich über ein paar Mandarinen, Nüsse, Schokolade und eventuell ein kleines Spielzeug!

Als die Sattlers dann Enkel hatten, es meinen Bruder gab und ich wesentlich größer war, hatte der Kapitalismus schon seine langen Finger in diese schöne Tradition gegraben und sie gnadenlos an sich gerissen, um Neid und Missgunst zu verbreiten. Da war sich der Herr Niemandlaus zu fein, um durch die Häuser zu gehen und stinkige Kinderschuhe zu füllen. Stattdessen kam er zu der Bäckerei in der Nähe und verteilte Sackerl. Große und Kleine. Für die die Eltern in den Wochen vorher bezahlt hatten. Schon allein der Umstand, dass ich nach über 30 Jahren noch weiß, dass die kleinen Sackerl 6,— und die großen 12,— Schilling gekostet haben, zeigt, was das mit der Kinderpsyche macht. Zur Erklärung für die jüngeren Leser: Schilling nannte man das Geld, von dem die Leute früher so viel hatten, dass sie es ungenützt auf der Bank liegen lassen konnten, was man „sparen“ nannte. Um sich dann später Wohnungen oder Häuser kaufen zu können. Also diese Sackerln kosteten umgerechnet nicht einmal 0,50 bzw. 1,— Euro.

Nun standen da also die Kinder versammelt und warteten, dass ihre Namen aufgerufen wurden und man konnte genau sehen, wie diejenigen mit den größeren Sackerln neidisch beäugt wurden. Ein schwacher Trost war, dass es manchmal einen kleinen Pferdewagen gab, mit dem man eine Runde fahren konnte. Gegen Bezahlung versteht sich. Was sich manche Eltern nicht leisteten weil sie sich mit den Sackerln finanziell schon total verausgabt hatten.
Selbstverständlich durchschaute ich da auch, dass der Herr Nikolaus ein schlecht geschminkter und verkleideter Mann war. Zum Glück hatte mir meine Mutter erzählt, dass all die Jahre der Sattler-Opa meine Stiefel gefüllt hatte, sonst hätte ich gedacht, dass der Fremde gruselige Mann durch die Häuser geht. Im Kindergarten hätte ich den schon gar nicht haben wollen.

Und ironischer Weise sind wir nun in einer Zeit gelandet, wo Leute, die keine Fremden haben wollen und mit geschminkten Männern auch so ihre Probleme haben, justament beklagen, dass keine geschminkten, fremden Männer zu kleinen Kindern in die Kindergärten gehen. Dabei sollten sie eher beklagen, dass ungeschminkte, bekannte Männer kleinen Kindern die letzten Jahre die Nikolaussackerl ausgeräumt haben.

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